2018-11-04

Die besten Found-Footage Filme

Mit dem "Blairwitch Project" (1999) wurde der Begriff des Found Footage Films endgueltig weltbekannt. Schon zuvor hatten einige Filme einen dokumentarischen oder gar "First-Person"-Realismus fuer fiktive Handlungen aufgegriffen, doch der enorme Erfolg des "Blairwitch Project" sorgte und sorgt fuer eine anhaltende Welle von Produktionen die das Prinzip versuchen zu kopieren und neu zu erfinden.

Insbesondere unter den Horrorfilmen finden sich zahlreiche Beispiele von Found-Footage Filmen, also Filmen die scheinbar eine tatsaechliche, nicht gestellte Handlung aus erster Hand dokumentieren, und scheinbar nach einer Phase der Verschollenheit wieder entdeckt wurden. Wobei der Aspekt der Wiederentdeckung des Filmmaterials im sprachgebrauch meistens nicht notwendig ist um einen Film dem "Found-Footage" zuzuordnen - beispielsweise geht in "Diary of the Dead" (2007, siehe unten) das Filmmaterial nicht verloren, sondern wird ganz im Gegenteil via Internet der Welt zur Verfuegung gestellt.

Neben den erfolgreichen und bekannten Hits wie "Blairwitch Project", "Paranormal Activity" (2007), "Cloverfield" (2008) und dem Ueber-Klassiker "Cannibal Holocaust" (1980, siehe unten) gibt es noch eine Vielzahl an aehnlichen Filmen, und darunter auch einige sehr sehenswerte.

Ein Artikel von popMATTERS (siehe "Quellen" unten) listet und bewertet 10 gelungene Found-Footage Filme, auch weniger bekannte. Interessanterweise findet sich der Nuklear-Holocaust-Schocker "The War Game" (1965, siehe unten) auf der Liste - korrekterweise kein Found-Footage Film, vielmehr eine Dokumentation, und generell etwas schwierig einzuordnen, aber stilistisch eine hervorragende Ergaenzung zum Thema.

Fasst man den Begriff "Found-Footage" als "Dokumentation" auf, so kann man in gewisser Weise George Romero's "Night of the Living Dead" (1968) als eines der fruehesten Beispiele dazuzaehlen: die TV-Sendungen im Film waeren das gefundene Filmmaterial, im gleichen Sinne wie "The War Game". Naehrt man sich dem Begriff von der "First-Person"-Handkamera-Seite, so koennte "Peeping Tom" (1960) einer der Vorlaeufer sein. Im weiteren Sinne kann man auch einige Mockumentaries als Found-Footage betrachten, im Sprachgebrauch beschraenkt sich der Begriff aber weitestgehend auf Horrorfilme.



Soweit zur Theorie - nun also eine Auswahl der sehenswertesten Beitraege:

Die besten Found-Footage Filme aller Zeiten



Noroi - The Curse (2005)


"Noroi" ist zunaechst ein asiatischer Found-Footage Film wie viele andere - erst nach einer gewissen Laufzeit daemmert es dem Zuschauer: Hier gibt es mehr zu entdecken als wackelige Bilder und Schreckeffekte. "Noroi" ist in seiner Erzaehlform deutlich anspruchsvoller als aehnliche Filme, geht deutlich weiter als dunkle Korridore und knarzende Tueren, "Noroi" ist kein einsames Haus bei Nacht, "Noroi" ist die Angst vor dem was Du nicht verstehst, Du kannst es sehen, und es sieht Dich, es passiert ueberall, aber Du weisst nicht was es ist...

https://www.imdb.com/title/tt0930083/
https://en.wikipedia.org/wiki/Noroi:_The_Curse


The War Game (1965)


Ueberraschender, hoch interessanter, und zutiefst bewegender Beitrag zur Found-Footage Filmliste von popMATTERS - genaugenommen kein Found-Footage, aber gnadenlos realistisch. Als TV-Produktion von BBC ein Beispiel fuer den Umgang mit oeffentlichen Medien (wenn auch letztlich nicht ausgestraht, sondern im Kino vermarktet) wie er nur in Grossbritannien moeglich ist, zusammen mit "Threads" (1984) der Aufklaerungsfilm schlechthin. Unbedingt sehenswert.

https://www.imdb.com/title/tt0059894/
https://de.wikipedia.org/wiki/The_War_Game



Diary of the Dead (2007)


George A. Romero's kriminell unterschaetzter fuenfter Zombiefilm geht einen Schritt weiter: vom "ich" zum "wir", von der einzelnen wackeligen Handkamera zum gezielten Filmprojekt der Generation YouTube, vom einzelnen Betrachter zur Social-Media-Community. Die grossen Staerken von Romero's Filmen liegen weniger in der unmittelbaren Erzaehlung oder den Charakteren, als vielmehr im grossen Ganzen, in den Ursachen und Implikationen von menschlichen Handlungen. "Diary of the Dead" verlaesst die Notwendigkeit konkreter Personen einer Filmhandlung fasst voellig, und beobachtet die Vorgaenge auf noch groesserer Ebene: welche Rolle spielt das Internet, die Summe unserer Wahrheiten, in einer kollabierenden Gesellschaft?

https://www.imdb.com/title/tt0848557/
https://de.wikipedia.org/wiki/Diary_of_the_Dead


REC und REC2 (2007, 2009)


Die zwei gleichwertig hervorragenden REC Zombiefilme - Found-Footage-Horror in Perfektion, aus Spanien, ideenreich, knochenhart, und maximal realistisch.

REC wurde als "Quarantine" (2008) in Hollywood neuverfilmt, REC2 zum Glueck nicht, und "Quarantine 2: Terminal" (2011) ist mit keinem der Filme verwandt. "REC 3: Genesis" und "REC 4: Apocalypse" sind wiederum lose Fortsetzungen der orginalen REC Filme, aber bei weitem nicht so wirkungsvoll und orginell wie diese.

REC
https://www.imdb.com/title/tt1038988/
https://de.wikipedia.org/wiki/REC_(Film)

REC2
https://www.imdb.com/title/tt1245112/
https://de.wikipedia.org/wiki/REC_2


Cannibal Holocaust ("Nackt und zerfleischt", 1980)


Ruggero Deodato's Klassiker darf zurecht auf keiner Horror- oder Found-Footage-Film Liste fehlen - "Cannibal Holocaust" ist mehr oder weniger der Inbegriff und Vater des Genres selbst. Inhaltlich einwandfrei bis hoechst fragwuerdig, makellos naturalistisch inszeniert, bahnbrechend vermarktet. Weit jenseits des guten Geschmacks (...!), trotzdem nicht belanglos, ist "Cannibal Holocaust" in mehreren Punkten der Standard fuer Found-Footage-Kino.

https://www.imdb.com/title/tt0078935/
https://de.wikipedia.org/wiki/Nackt_und_zerfleischt



Les Documents interdits ("Verbotene Aufnahmen", 1989)


Die "Verbotenen Aufnahmen", produziert abseits jeglicher zeitgenoessischer Trends, sind ein weitgehend unbekannter Vertreter des Found-Footage-Stils. Die 13 Folgen der arte-Serie zeigen unerklaerliche Vorgaenge, nuechtern kommentiert, scheinbar von Amateuren vor Ort gefilmt, ohne weiteren erzaehlerischen Kontext. Die "Verbotenen Aufnahmen" wurden mit aus heutiger Sicht echtem Retro-Equipment produziert, und koennen so auf kuenstliche Pseudo-"Videokamera"- oder Pseudo-"Super8"-Effekte verzichten. Wunderbar zurueckhaltend, sowohl in der Produktion als auch inhaltlich - und dadurch umso effektiver. Sanfter Grusel der zum Nachdenken anregt.

https://www.imdb.com/title/tt0258528/
https://de.wikipedia.org/wiki/Verbotene_Aufnahmen 
https://fr.wikipedia.org/wiki/Les_Documents_interdits (franz., mit Einzel-Episoden)


Project X (2012)


Hart Party bis die Fetzen fliegen - mittendrin statt nur dabei im Zeitalter von facebook. Wie nur wenige andere Filme vermittelt "Project X" das Gefuehl tatsaechlich vor Ort zu sein, indem scheinbar authentisches Filmmaterial von verschiedenen Quellen geschickt miteinander vermischt wird.

Als einer der wenigen Nicht-Horror Found-Footage Filme ist "Project X" auch der gelungene Versuch das Format auf andere Inhalte anzuwenden als die eher ueblichen Aliens, Geister und Zombies, und hat insofern einen bemerkenswerten Effekt: der scheinbare Realismus funktioniert hier nicht wegen des obskuren, mystischen Inhalts und dem dadurch gegebenen Spielraum fuer Interpretation, sondern aufgrund der trivialen Praemisse einer Party und der allseits gewohnten Gegenwaertigkeit von Smartphone-Kameras.

https://www.imdb.com/title/tt1636826/
https://de.wikipedia.org/wiki/Project_X_(2012)



C'est arrivé près de chez vous ("Mann beisst Hund", 1992)


"Mann beisst Hund" war nach seiner Veroeffentlichung 1992 zunaechst ein Geheimtipp, ein kleiner gemeiner Schocker der einem nur von echten Filmkennern und Video-Geeks empfohlen wird. Nur zwei Jahre danach kam mit Oliver Stone's "Natural Born Killers" (1994) eine thematisch aehnliche Major-Production in die Kinos. 1994/1995 wurde die US-Fernseh-Uebertragung des Mordfalls O. J. Simpson zum Zuschauermagneten. Reality-TV explodierte, seit 1999 laeuft das weltweit erfolgreiche "Big Brother" auch im deutschen Fernsehen. "Mann beisst Hund" und "Natural Born Killers" haben die Entwicklungen von Reality-TV und Social-Media-Sharing seit Ende der 1990er Jahre auf bizarre Weise vorweggenommen - erst im Nachhinein wird deutlich welche Bedeutung beiden Filmen zukommt.

https://www.imdb.com/title/tt0103905/
https://de.wikipedia.org/wiki/Mann_bei%C3%9Ft_Hund


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Weitere nennenswerte Found-Footage Filme:

The Last Broadcast (1998)
My Little Eye (2002)
The Last Horror Movie (2003)
Paranormal Activity (2007)
The Poughkeepsie Tapes (2007)
Lake Mungo (2008)
The Last Exorcism (2010)
The Sacrament (2013)
V/H/S (2012)
Blair Witch (2016)

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Welchen Found-Footage Film findest Du besonders gut gelungen?
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Weitere Quellen:

"The 10 Best 'Found Footage' Films of All Time", Bill Gibron, 08 Sep 2011
https://www.popmatters.com/148222-the-10-best-found-footage-films-of-all-time-2495956664.html

"Jean-Teddy Filippe's 'Forbidden Files': Found Footage Lost (and Found Again)", Kit MacFarlane, 06 Oct 2011
https://www.popmatters.com/148906-jean-teddy-filippes-forbidden-files-found-footage-lost-and-found-aga-2495946669.html

https://en.wikipedia.org/wiki/Reality_television#2000s

https://www.denofgeek.com/movies/17999/the-10-best-found-footage-movies
 

Top 10 Found Footage Movies", WatchMojo.com
https://www.youtube.com/watch?v=rXndJCZJS0g


https://variety.com/gallery/ten-best-found-footage-films-5-worst-blair-witch-project-paranormal-activity/

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